Jetzt kommt der Klon im Medaillon Amerikanische Firmen bieten bereits Home Gene Kits an In einen herzförmigen Schlüsselanhänger oder einen schicken
Ohrring gegossen, tragen Szeneleute die DNA ihrer Partner als einzigartiges
Souvenir mit sich durch den Alltag. Eingebunden in einem kleinen Glasherz
befindet sich ein Tropfen Alkohol. Und darin schwimmt, kaum grösser
als ein Punkt, der genetische Fingerabdruck eines Menschen, der wahlweise
in Blau, Rot, Grün, Gelb oder Orange ausgeliefert wird. Unter UV-Licht
funkeln die in den Schmuck gegossenen DNA-Fäden dann wie Christbaumkugeln.
Kostenpunkt des Avantgardespasses: 95 Dollar bei dnacapsulas.com oder
30 Euro bei dna4u.de Die Werbeversprechen sind wissenschaftlich nicht haltbar Branca Sevic, medizinische Praxisassistentin des Schönheitschirurgen
Christoph Wolfensberger, möchte sich nicht klonen lassen. Sie hat
dennoch ein Gene Kit ausprobiert, weil sie überzeugt ist, dass künftig
Krankheiten mit Hilfe des Erbguts geheilt werden können. Die gelagerte
DNA soll helfen, im Notfall auf möglichst unbeschädigtes Erbgut
zurückgreifen zu können - ein Argument, das von den US-Firmen
ebenfalls gerne als Werbung für Gen-Sets benutzt wird, wissenschaftlich
aber kaum haltbar ist.
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Bericht in der Bild der schweizer Sonntagszeitung vom Sonntag,
den 01.09.2002
Wer etwas auf sich hält, trägt den DNA-Faden seiner Liebsten
um den Hals - in Alkohol konserviert und in ein Schmuckstück eingegossen
VON HAYMO EMPL
Eines Morgens bin ich aufgewacht und habe mich entschlossen, es zu tun»,
liess der amerikanische Genealoge Kevin F. Duerinck via eigene Homepage
seine Fangemeinde wissen. Er habe sich entschieden, seine eigene DNA sowie
das Erbmaterial seiner Eltern untersuchen zu lassen. So wolle er herausfinden,
«ob Menschen mit dem gleichen Familiennamen wirklich mit mir verwandt
sind».
Duerinck ist mit seinem Projekt nicht allein. Hunderte von Hobby-Ahnenforschern
versuchen mit Hilfe von DNA-Analysen und Internet Ordnung in den eigenen
Familienstammbaum zu bringen. Bislang war die Rekonstruktion der Familiengeschichte
eine mühselige Arbeit - verbunden mit der zeitraubenden Lektüre
von Familienbüchern, dem Besuch von Archiven und Einwohnerämtern
und dem Wälzen von staubigen Akten. Mit den DNA-Daten, so Duerincks
Hoffnung, wird dies alles viel einfacher.
Auf den ersten Blick mag das Vorgehen des Genealogen überraschen.
Denn bislang wurden DNA-Analysen haupt-sächlich in streng wissenschaftlichen
oder juristischen Kontexten genutzt. Etwa bei Vaterschaftsklagen, bei
Abklärungen von Verbrechen oder, mehr wissenschaftlich, bei der Rekonstruktion
der menschlichen Abstammungslinie oder bei der Verwandtschaftsanalyse
von Tieren und Pflanzen. Nun dringt die DNA langsam in den Mainstream:
Die DNA-Analyse, aber auch das Erbmaterial selber, wird heute auch für
alltägliche Anwendungen in den Dienst genommen - etwa als trendiges
Modeaccessoire.
Mittlerweile bieten zahllose amerikanische Firmen Dienstleistungen im
Umfeld der DNA-Analyse an. Ähnlich wie vor rund 20 Jahren der Schwangerschaftstest
für den Hausgebrauch für Furore sorgte, wird jetzt auch die
Genanalyse popularisiert und als so genanntes Home Gene Kit auf den Markt
gebracht. In den letzten Monaten sind die Anbieter für diese Gen-Heimdiagnostik
wie Pilze aus dem Boden geschossen - vor allem im Internet.
Angeboten wird vor allem die Analyse des Erbgutes. Das kalifornische Unternehmen
DNA-Filer (www.dnafiler.com) bietet seinen Service für knapp zehn
Dollar an und liefert den Kunden die DNA-Informationen auf einer kreditkartengrossen
Unterlage aus. Genetree.com, ebenfalls in Kalifornien beheimatet, ist
bereits bedeutend teurer - der DNA-Pass kostet dort 150 Dollar. Für
75 Dollar Aufpreis ist allerdings bei genetree ein besonderer Service
zu haben: die Lagerung des Erbgutes bei minus 80 Grad während 25
Jahren in einer DNA-Bank.
Die Handhabung der Home Gene Kits ist einfach: Der Anwender kann zu Hause
einen Abstrich der Mundschleimhaut vornehmen oder sich einige Bluttropfen
entnehmen und das so gewonnene Zellmaterial per Kurier nach Amerika schicken.
Als Kontrolle dient ein Indikatorpapier. Verfärbt es sich pink, heisst
das für den Benutzer, dass genügend Erbmaterial entnommen wurde.
Die Labors isolieren dann die eingesandte Erbinformation aus dem Zellmaterial,
fertigen einen DNA-Pass an und lagern die gewonnene DNA in ihren gekühlten
Archiven. Inzwischen bieten die Labors bereits eine Aufbewahrung bis zu
hundert Jahren an. Das mag bei manchen Home-Gene-Kits-Bestellern die Fantasie
erzeugen, das dort verwahrte Erbgut könne später einmal medizinisch
genutzt oder für die Herstellung eines Klons verwendet werden.
Obwohl die meisten Firmen sich davor hüten, solche Versprechungen
abzugeben, finden sich immer wieder versteckte Hinweise auf eine mögliche
spätere Nutzung. Genetree etwa deutet vage an, dass die Möglichkeit
zum Klonen künftig ins Programm aufgenommen werden könnte. Sich
mit Klonabsichten zu brüsten, ist heutzutage für eine nur halbwegs
seriöse Firma wenig opportun. Zu gross sind allein schon die technischen
Risiken und Unabwägbarkeiten, ganz zu schweigen vom umstrittenen
Nutzen eines Klons. Anders sieht das die Klonsekte der Raëlier, für
die Klonen die Auferstehung ist (www.clonaid.com).
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